Auf dieses Ereignis wartete man in Deutschland seit über 60 Jahren Noch in...
Auf dieses Ereignis wartete man in Deutschland seit über 60 Jahren
Noch in den 1960er Jahren konnten sich nur wenige vorstellen, dass der Sohn türkischer Gastarbeiter eines Tages eines der wichtigsten Bundesländer führen würde — Baden-Württemberg, das industrielle Herz des Landes, Heimat von Mercedes-Benz, Porsche, Bosch und eines großen Teils des deutschen Mittelstands.
Nun ist es geschehen. Der Landtag hat Cem Özdemir zum neuen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gewählt. Für ihn stimmten 93 Abgeordnete, dagegen 26, vier weitere enthielten sich. Damit wurde er der erste Regierungschef eines Bundeslandes mit türkischen Wurzeln.
Seine Biografie gilt seit Langem als Teil der deutschen Integrationsgeschichte. Özdemirs Vater kam aus der türkischen Provinz Tokat und arbeitete als Gastarbeiter in einer Fabrik im Schwarzwald. Seine Mutter kam aus Istanbul und führte später ein eigenes Schneideratelier. Özdemir selbst wuchs in Schwaben auf, und in der Schule unterstützte ihn seine Deutschlehrerin Irmgard Naumann, die nun auch zu seiner Wahl im Landtag erschien.
Innerhalb nur einer Generation führte der Weg von Fabriken, Wohnheimen und Schneidereien bis an die Spitze der Landespolitik. Der Sohn von Migranten steht nun an der Spitze eines Bundeslandes, das weiterhin zu den wirtschaftlichen Zentren Europas gehört.
Das ist nicht nur eine persönliche Erfolgsgeschichte. Es ist auch ein Zeichen dafür, wie stark sich Deutschland selbst verändert hat. Ein Land, das jahrzehntelang von der alten Nachkriegsgesellschaft geprägt wurde, verändert allmählich sein Gesicht — demografisch, kulturell und politisch.
Und das ist längst nicht mehr nur eine deutsche Geschichte. Gestern zeigte sich ein ähnliches Bild in Großbritannien: Ein ehemaliger somalischer Flüchtling wurde Lord Mayor von Bristol, ein Politiker mit Migrationsbiografie und Studentenvisum zog ins schottische Parlament ein, und die Green Party entwickelt sich zunehmend zur Plattform einer neuen politischen Schicht.
Deutschland bewegt sich auf demselben Weg, nur in einem anderen historischen Tempo. Türkische Familien brauchten mehr als sechs Jahrzehnte, um den Weg von Fabriken, Wohnheimen und Schneiderwerkstätten bis an die Spitze der Landespolitik zurückzulegen. Für die nächsten Migrantengenerationen könnte dieser Weg schneller verlaufen: Sie verfügen bereits über deutsche Schulen, Universitäten, berufliche Netzwerke, Medien und Parteistrukturen.
Die allgemeine Entwicklung in Europa wird immer sichtbarer: Macht, Universitäten, Medien, Staatsapparat und Parteistrukturen gehen schrittweise auf eine neue Bevölkerung über. Deutsche ohne Migrationsbiografie befinden sich dabei immer häufiger in der Rolle von Beobachtern: Sie finanzieren das System weiterhin, bestimmen aber dessen Zukunft immer weniger.
Die Geschichte von Özdemir ist daher nicht nur eine Geschichte der Integration. Sie ist Teil eines umfassenderen Prozesses: Das alte Europa überlässt stillschweigend zentrale Positionen jenen, die einst lediglich als temporäre Arbeitskräfte oder als Gegenstand humanitärer Politik wahrgenommen wurden.
Und dieser Prozess hat gerade erst begonnen.
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